von Jan Kixmüller

Ergiebige Zettelwirtschaft. In der Design-Thinking-Methode müssen die Ideen unter Zeitdruck gesammelt werden. Foto: HPI/Kay Herschelmann

Die nutzerorientierte Design-Thinking-Methode des Potsdamer HPI wird in der Wirtschaft zunehmend nachgefragt.

An jedem Platz kleben ein Bleistift und zwei Post-It-Blöcke. Am Eingang schon hatten die Teilnehmer des D-Vision-Days am Hasso Plattner Institut (HPI) ein kleines graues Büchlein erhalten „Accidentally on Purpose“ steht darauf, was so viel heißt wie „zufällig mit Absicht“, die Seiten sind leer. Für Notizen, zum Nachlesen zuhause. Rund 200 Gäste aus Wirtschaft und Wissenschaft waren am Donnerstag ans HPI gekommen. Die wirtschaftliche Schlagkraft der Design-Thinking-Methode stand hier im Fokus. Eine Methode, die innovative Ideen fördern soll. Die selbstklebenden Post-It-Zettelchen sollte man im Foyer an Pinnwände hängen, für Lob und Wünsche, Feedback-Walls, wie sie die Innovationsmacher nennen.

Seit sechs Jahren lehrt Ulrich Weinberg am HPI die kreative Innovations-Methode aus den USA. Anfangs unterrichtete man 40 Studenten, heute sind es jährlich an die 240. Die Nachfrage aus der Wirtschaft sei rasant gestiegen, berichtet Weinberg. Mittlerweile würden zehn der größten Deutschen Unternehmen das Verfahren nutzen, darunter die Deutsche Bank, VW und natürlich SAP, die Softwarefirma, die HPI-Stifter Hasso Plattner einst mitbegründete. Kurz gesagt geht es darum, Produkte im Sinne der Nutzer zu gestalten. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist für Verbraucher oft genug noch ein Ärgernis: wenn das Produkt nicht so will, wie man es gern hätte. Oder wenn man es erst gar nicht versteht.

Erreicht wird der kreative Innovationsgeist vor allem durch ein buntes Durcheinanderwürfeln verschiedener Fachgebiete. So werden beispielsweise Ingenieure mit Verkäufern und Marketingleuten in einen Workshop gesetzt, die sich zuvor nie zu Gesicht bekommen hatten. Am Anfang des Design-Thinking-Prozesses steht immer die Recherche dicht am Kunden, was wird eigentlich gebraucht? Am HPI gab es beispielsweise ein Projekt zu der Frage, wie man mehr Abiturienten zu einem IT-Studium bewegen kann. Dafür wurden Lehrer, Eltern und Schüler befragt. Dann wurden möglichst kleine Kreativteams gebildet. In dieser Phase geht es darum in einem Speed-Brain-Storming Ideen zu entwickeln. Die Uhr läuft immer mit, der Zeitdruck spielt dabei eine große Rolle. Schließlich werden Prototypen entwickelt und getestet. Wichtig dabei ist das Feedback, die Rückkoppelung mit anderen Meinungen. Und dabei müsse man auch lernen, manches wieder zu verwerfen, erklärt eine Design-Thinkerin. Um die passende Lösung zu finden, müsse man neue Ideen zulassen. In dem HPI-Projekt waren das neuartige Lernmaterialien. Ein anderes Projekt entwickelt einen Audioguide, der es älteren Menschen leichter machen soll, sich am Flughafen Tegel zurechtzufinden.

Die Design-Thinking-Methode bringe den Geist kleiner Start-Up-Firmen in große verkrustete Unternehmen, so das HPI. Die profitieren davon, wenn ihre Produkte besser an den Bedürfnissen der Kunden ausgerichtet werden. Am Anfang sei es für viele Mitarbeiter von Traditionshäusern befremdlich, mit unbekannten Kollegen Ideen zu entwickeln. In manchen Firmen waren sogar Flip-Boards und Merkzettelchen zuvor verpönt, erzählt Thomas Torf von SAP.

Doch der Nutzen scheint frappierend. Die amerikanische Innovationstrainerin Claudia Kotchka kennt Beispiele, in denen die unkonventionelle Methode ganze Unternehmen gerettet hat. Etwa einen bekannten Windelhersteller. Die Entwickler setzten ausschließlich auf größte Saugkraft. Doch dass die Mütter das Plastikmaterial mittlerweile ablehnen, wussten sie nicht. Die Firma durchlief den Innovationsprozess, das Plastik wurde zugunsten eines teureren, weichen und trocken anmutenden Materials verbannt. Heute ist das 10-Milliarden-Dollar-Unternehmen weiter erfolgreich am Weltmarkt.

Oder die Sache mit dem Bodenreiniger. Der muskulöse Mann auf der Flasche war irgendwann kein Kaufanreiz mehr. Denn mit dem Scheuerlappen den Boden zu schrubben, war nicht mehr zeitgemäß. Heute gibt es ein leichtes Reinigungsgerät, dessen Name alleine schon Leichtigkeit verspricht. Dicht am Verbraucher bleiben, das sei essentiell. Kotchka zeigt ein Werbebild eines Waschmittels. Eine junge Frau, die elfenhaft dem Himmel zustrebt, das Waschpaket scheint federleicht. Die Wirklichkeit sei aber eine andere: überforderte Menschen, die Dreckwäsche in Waschmaschinen stopfen, das Waschmittel in großen schweren Kartons. Ein klarer Fall für die Feldforschung der Design-Thinker: schauen, wie die Kunden die Produkte nutzen, welche Probleme es gibt. Und dann Lösungen suchen.

Kotchka zitiert Vordenker der Szene. „Wir werden nicht mit Technologie alleine gewinnen“, sagt einer. „Der Unterschied zwischen einem Träumer und einem Pionier lieg im disziplinierten Prozess“, meint ein anderer. Tatsächlich liege der Erfolg der Innovationsmethode in ihrer disziplinierten Ausführung – und in der Interdisziplinarität. „Innovation ist Teamsport“, stellt die Entwicklerin fest. Ihr SAP-Kollege Thomas Torf ergänzt, dass der Schlüssel zum Erfolg darin liegt, den Kunden genau zuzuhören.

All das konnten die Teilnehmer des D-Vision-Days gestern am Plattner-Institut direkt testen. In Workshops zum Feedback, zu neu gestalteten Arbeitsräumen und zur Planung von Kreativprozessen konnten sie sich in Innovationsteams als Querdenker versuchen. Und am Abend waren die meisten kleinen grauen Büchlein voll mit Notizen und Zeichnungen.

 

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